Mi, 16.5.2012, 23:34
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Technologie

Netzgemeinde fremdelt mit ihrem Liebling

Als SPD und Grüne den Bürgerrechtler Joachim Gauck 2010 als Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten nominiert hatteen, wurde Gauck schnell zum Liebling der Netzgemeinde. Doch inzwischen wächst die Kritik.

2010 elektrisierte ein damals 70-jähriger Polit-Rentner das Netz: Die Zahl der Mitgliedschaften in der Facebook-Gruppe „Joachim Gacuk als Bundespräsident“ explodierte. In dem Bürgerrechtler, der sich in der ehemaligen DDR für Freiheitsrechte einsetzt, sahen viele der Netzgemeinde einen geistigen Verwandten. Immerhin ist die Freiheit des Internets eines der stärksten Anliegen von Netzaktivisten. Für sie war Gauck ein unabhängiger Kopf – aber chancenlos gegen den von CDU/CSU und FDP damals nominierten Parteipolitiker Christian Wulff.

Nun, da Gauck der offizielle überparteiliche Kandidat aller Fraktionen mit Ausnahme der Linken ist, mischt sich viel Kritik in die Jubelarie. Ein näherer Blick auf das politische Wirken Gaucks offenbart eine große Kluft zwischen dem liberal-konservativen Bürgerrechtler und den klar linksliberal tickenden Netzaktiven. Die Vorratsdatenspeicherung, ein rotes Tuch der Netzgemeinde, führe nicht in den Überwachungsstaat sagte Gauck einmal.  „Sie müssen wissen, dass etwa die Speicherung von Telekommunikationsdaten nicht der Beginn eines Spitzelstaates ist“, sagte er bei einer Diskussion im Dezember 2010.

Das Zitat ließ die Netzgemeinde aufhorchen – und tiefer graben. Tatsächlich gibt es weitere Zitate Gaucks, die zeigen, dass zwischen den jungen Bürgerrechtlern im Netz und dem DDR-Bürgerrechtler eine tiefe Kluft besteht. Dem umstrittenen Islamkritiker Thilo Sarrazin nannte Gauck „mutig“, die im Netz mit viel Sympathie begleiteten Occupy-Wall-Street-Proteste „unsäglich albern“. Allerdings ist das nur die halbe Wahrheit, denn vor allem das Sarrazin-Zitat wurde aus dem Kontext gerissen, wofür sich beispielsweise die Ex-Grüne Netzaktivistin und Journalistin Julia Seeliger bereits auf ihrem FAZ-Blog entschuldigt hat.

Was gegen Gauck spricht

Dennoch: Vor allem in den Reihen der Piratenpartei ist Gauck mit seiner Haltung zur Überwachung des Internets unwählbar. Schon gibt es ein Piratenpad zur Kritik an Gauck – ein von der Piratenpartei betriebene Website, auf der jeder ohne Anmeldung schreiben kann. Dort sammeln Mitglieder und Sympathisanten der Piraten Kritisches über Gauck. Der DDR-Bürgerrechtlicher billige die Überwachung der Linken, heißt es dort zum Beispiel. Andere Artikel werfen ihm vor, ein Feind des Sozialstaats zu sein oder verweisen auf Gaucks Kritik an den Ostverträgen von Willy Brandt. „Im Rückblick erscheint mir der Verlust (...) höher als der Gewinn“, wird er aus dem „Schwarzbuch Kommunismus“ zitiert.

Prominente Köpfe des Webs wie der Journalist Mario Sixtus oder der Ex-Handelsblatt-Journalist Thomas Knüwer haben sich bereits öffentlich gegen Gauck ausgesprochen. Auf dem Kurznachrichtendienst Twitter wird der Name Gauck inzwischen häufig mit dem Hashtag #notmypresident verbunden – ein Spruch, der ursprünglich aus den USA kommt uns sich dort auf Ex-Präsident George W. Bush bezog.

Nicht alle wollen in die Kritik einstimmen. „Komisch, vor einem Jahr haben alle #Gauck nachgetrauert. Jetzt ist er hier die Personifizierung des Bösen“, twittert beispielsweise der Journalist Christian Jakubetz. Darauf angesprochen, warum Knüwer 2010 Gauck noch feierte, antwortet er einem anderen Twitter-Nutzer: „Gauck ist weitaus konservativer, als es vor einem Jahr (weniger medialer Beobachtung) schien. Deshalb mein Meinungswechsel.“

Gauck selbst wird die hitzige Debatte im Netz über ihn nicht mitbestimmen, vielleicht nicht einmal bemerken. Im Internet schlicht nicht präsent. Wer bei Google nach seinem Namen sucht, findet als erstes seinen Wikipedia-Eintrag, dann Zeitungsartikel. Eine eigene Website, offizielle Facebook-Präsenz oder gar einen Twitter-Account – Fehlanzeige.

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